Höllenritt nach Rio

Wie oft im Leben fing es harmlos und doch erwartungsvoll an. Der Wetterbericht sagte erst wenig Wind voraus und dann langsam zunehmend aus der richtigen Richtung. Und da ich nicht noch eine Woche länger in Arrial bleiben wollte musste ich auch los, denn ansonsten war Westwind angesagt und 65 Meilen wollte ich auch nicht kreuzen.

Am Abend hatte ich Tara von Arrial zum Strand vor dem Cabo Frio verlegt, um dort alleine die Abendstimmung zu genießen und einen günstigeren Ausgangspunkt für den frühen Start zu haben.

Um 6 Uhr morgens ging der Anker hoch und ich genoss den Sonnenaufgang und das frühe ruhige Wasser. Der Wind schlief noch, doch der Genacker war schon vorbereitet für den kommenden Wind.

Die Thermik brachte erst Landwind und ich lief bald unter Vollzeug in die richtige Richtung und freute mich schon auf Rio, wo ich schon 1998 und 2001 war. Der Wind begann bald zu drehen und ich setzte das bunte Tuch. Mit 5 bis 6 Knoten Fahrt ging es voran und anfänglich deutete nichts auf eine baldige Wetterverschlechterung hin, die ja auch nicht angesagt war. Man sagte 14 Knoten Wind an mit Böen von 22 Knoten, was auf Regenfronten schließen ließ.

Ein paar Fischer kreuzten unseren Weg und weit draußen im tiefen Wasser fuhren Tanker und Frachtschiffe ihre Güter von A nach B. Wir kamen gut voran und ich rechnete mit einer Ankunftszeit zwischen 20 und 22 Uhr. Aus Süden kam immer mehr Bewölkung auf und die Atlantikdünung wurde ernstzunehmend höher und höher. Da musste es irgendwo reichlich Wind geben, dachte ich mir. Als dann auch bald der Wind auffrischte und wir ständig unter Genacker deutlich über 6 Knoten liefen holte ich ihn herunter und setzte wieder Genua und Groß. Mit unverminderter Geschwindigkeit ging es weiter. Die See wurde weißer und weißer und bald lief Tara unter gerefften Segeln. Die angesagten 22 Knoten waren längst erreicht, aber nicht in Böen, sondern als relative Konstante, während der Himmel sich immer drohender verdunkelte und zuzog.

Ein kleines Fischerboot beobachtete ich schon länger, da es fast bedrohlich nahe kam. Letztendlich ging es hinter mir durch und steuerte zielstrebig auf einige Inseln nördlich von uns zu, wahrscheinlich um Schutz zu suchen vor dem was da kommen sollte. Früh schaltete ich daraufhin die Dreifarbenlaterne ein und reffte weiter – und plötzlich ging der schon erwartete Spuk los. Gepfefferte Böen fielen über Tara her, gefolgt von pfeifenden Wind, das Großsegel war längst eingerollt und von der Genua stand nur noch ein taschentuchgroßes Stück. Das war so nicht angesagt und auch nicht erwünscht. Die Wellen waren sicherlich 4 bis 5 m hoch. Im Wellental sah ich nur Wasser um mich herum und auf den Wellenbergen erkannte ich Schiffe und die Lichter von Rio. Wellen mit weißer nach vorne geworfener Gischt dreschten auf Tara ein und explodierte teilweise am Rumpf, ging hoch und überspülte das Deck. In den Böen, die mit 30 bis 35 Knoten daher kamen luvte Tara an und dann lag sie fast quer zur Welle, während sie mit über 7 Knoten dahin preschte.

DSC_0524 (400x254)

Ich steuerte die vor Rio liegenden Inseln an, wo es zwischendurch gehen sollte. Doch in der Durchfahrt schien eine neue Bohrinsel zu liegen. Erleuchtet wie ein Weihnachtsbaum stand sie hoch und bunt, fürs Auge nicht erkennbar, in oder hinter der Einfahrt. Darauf wollte ich mich nicht einlassen, es war eh schon eng dort und bei den Wellen und der Dunkelheit gab es keinen Platz für Spielchen. Zwischen der zweiten und dritten Insel ging es dann letztendlich durch, getrieben von den brechenden Wellen, die immer noch gischtsprühend zum starken Regen die Sicht stark behinderten. Auch die nächste Abkürzung wurde gemieden, zu eng, zu flach, ganz nach dem Motto meines Freundes Hans:“An Vorsicht ist noch keiner gestorben!“

Vor Urca, ein Stadtteil Rios direkt unter dem Zuckerhut, wo auch die Uni beherbergt ist, ging ich nass und leicht frierend zwischen einigen Fischern vor Anker, gespannt wo ich letztendlich gelandet bin, denn das war bei der schlechten Sicht nur zu erahnen und so war ich gespannt darauf was der Morgen bringt.

Buzios und Arraial

Nach dem ich Buzios endlich gefunden hatte ankerte ich zwischen den vielen Ausflugsschiffen, den sogenannten Lanchas. Der Ankerplatz war außerordentlich unruhig, da es ein kommen und gehen der vielen Schiffe war und die Speedboote, die zu den einzelnen Stränden fuhren heizten mit reichlich Bugwelle durch das Ankerfeld. Buzios erlangte schon früh Berühmtheit, da Brigitte Bardot

in den sechziger Jahren regelmäßig hier war. So wurde der einst kleine Fischerort immer bekannter.

DSC_0423 (400x262)

Ich verlegte Tara schnell ein paar hundert Meter weiter vor einem Strand und ruderte mit dem Dinghi ans Land und befestigte dies mit einer Kette an einem Baum.

Und dann ist es mir doch passiert. Nach vielen Jahren der Treue ging ich fremd. Man kann nicht immer den Verlockungen widerstehen und das Angebot war zu attraktiv und ein bisschen Begleitung tut der Seele auch mal gut. Ich bestieg eine Lancha und fuhr mit reichlich Touristen zu den Stränden, in der Hoffnung ein paar schöne Schnorchelgebiete zu entdecken, um dann Tara dorthin zu verlegen. Leider wurde ich etwas enttäuscht was das Schnorcheln anging. Da auch noch Wind aufkam durfte die kleine Nachbarinsel nicht angelaufen werden und so bekam ich nur reichlich Sand zu sehen. Dafür waren die Strände schön, auch wenn sie voll waren mit brasilianischen und argentinischen Touristen. Die Argentinier lieben Brasilien wegen ihrer schönen Strände und der Wärme und sind oft Wiederholungstäter. Das einzige, wo beide keinen Spaß verstehen ist wenn es um Fußball geht. Da gibt es keine Freundschaft und die Brasilianer waren heilfroh, das die Argentinier den Weltmeisterpokal nicht in ihrem Land gewonnen haben und die Argentinier amüsieren sich immer noch über das 7 zu 1 der Deutschen über die Brasilianer, während gleichzeitig Spieler wie Mario Götze, der das Siegtor der Deutschen gegen Argentinien schoss eine Kultstatus erreicht hat und man über ihn und über das deutsche Team in hohen Tönen sprach. Als Deutscher hatte ich natürlich gut lachen, da Deutschland auch durch den Sport hohes Ansehen genoss und ich genoss es schnell Kontakte zu bekommen, da ich immer der einzige Europäer war.

DSC_0461 (400x266)

Von Buzios fuhr ich die 30 Meilen weiter nach Arraial, was mir noch besser gefiel als Buzios, da es ein natürlich gewachsenes Städtchen war. Auch dort bestieg ich eine Lancha, das heißt ich wurde sogar vom Kapitän persönlich an der Tara abgeholt und wieder zurückgebracht, damit ich das Dinghi nicht am Strand, der einen sicheren Eindruck machte, liegen lassen musste.

Die Tour ging eigentlich nur 2 Meilen weiter zum Cabo Frio, Eine schmale Öffnung zwischen den Klippen gibt für kleine flachgehende Schiffe den Zugang zum Meer frei. In der Bucht ist das Wasser zwischen 1 und 5 Meter tief, auf der Seeseite fallen die Klippen steil ab auf 50 Meter.

DSC_0513 (400x267)

An Bord der Lancha lernte ich unter anderem eine Mutter mit Tochter aus Chile kennen und auch sie gelobten wiederzukommen. Sie genossen sichtlich die Wärme und die Farben von Brasilien, während es im eigenen Land, wo der kalte Humboldtstrom fließt wesentlich kälter ist. Die meisten sind nur eine Woche unterwegs und für viele ist das der Jahresurlaub im Ausland, da es für sie sehr kostspielig ist.

Immer wieder beobachtete ich, dass für viele sie selbst das liebste Fotomotiv waren. Mit weit vor sich ausgestreckten Armen wurden viele Selbstporträts geschossen, die dann gleich auf „Fassebucke“ (Facebook) veröffentlicht wurden. Online sein im Urlaub ist so wichtig geworden für die Menschen. Ich genoss da doch lieber die Abgeschiedenheit und das nicht immer erreichbar sein für meine Entspannung und so richtete ich wieder den Blick aufs Meer, um den Trubel zu entgehen, auch wenn es nur für kurze Zeit war, denn Rio de Janeiro lag vor dem Bug meiner treuen Tara.

Von Guarapari nach Buzios

Guarapari hatte nicht wirklich viel zu bitten, die großen Städte an der Küste sind austauschbar. Nette Strände entlang einer Hochhauspromenade, darum hielt mich nicht soviel dort. Ich habe Lust auf klares Wasser in einer grünen Bucht, wo man am Morgen einfach sich so ins Wasser fallen lassen kann und Buzios hörte sich da schon vielversprechender an.

Das ich das Ziel knapp verfehlte hatte ich ja schon geschrieben, doch der Weg dorthin hatte es auch schon in sich.

DSC_0346 (400x266)

Morgens um 5 Uhr 30 bin ich ausgelaufen, wie ich es am liebsten mag. Hinein in die aufgehende Sonne und man nutzt das Sonnenlicht voll aus, was in den Tropen nur 12 Stunden am Tag scheint.

Die gut 160 Meilen sollten mich auch bei Tag in Buzios ankommen lassen. Da war es wichtig das ich wie immer speed machte. Ich entschied mich für den Genacker und alles lief soweit gut an einem recht trüben Tag. Gegen Mittag tat sich was. Im Westen bildete ich eine mächtige Böenwalze mit einem ausgeprägten Tief dahinter. So eine Böenwalze bringt an seiner Front erst einmal drehende Winde, meist nicht so stark. Da ich immer noch Nordostwind hatte machte ich mir nicht soviel sorgen, doch dann kam das Ding immer näher. Als ich mich entschied, den Genacker herunter zu holen, da es auch noch anfing zu regnen, machte mir Murphys Law wieder zu schaffen und sorgte für einen nicht reibungslosen Ablauf.

Boenwalze-Panorama (400x94)

Der Wind drehte plötzlich schneller als erlaubt und damit auch der Genacker, der sich uns Vorstag zu drehen drohte. Ich schmiss die Genackerschot los, ging aufs Vorschiff und zog an die Leinen des Bergeschlauchs. Auf halber Höhe blieb die Leine hängen, da sie sich vertörnt hatte. Ich löste also schnell das Fall, um das große Tuch zu bändigen, doch dabei glitt es mir durch die Hände und ein Teil des Genackers landete im Wasser. Glücklicherweise hatte ich es dann doch noch schadlos an Deck bekommen, doch es ärgerte mich schon das so etwas mal wieder im ungünstigsten Augenblick passierte. Der Wind hatte schnell von Nordost über Nord auf West gedreht und dann schnell weiter auf Süd. Ist klar, dachte ich mir. Auf die Nase, was sonst.

Um mich herum regnete es in Strömen und es Blitze und donnerte grell und laut, das ich schon die Sekunden dazwischen zählte, um den Abstand einzuschätzen wie weit die Einschläge entfernt sind, denn ein Blitzschlag ins Schiff würde sämtliche Elektronik durch schmoren lassen.

Der Wind war nicht besonders stark, so nutzte ich die schwache Phase um die Batterien zu landen und fuhr unter Motor weiter, in der Hoffnung, das der Wind bald wieder aus Nordost wehen sollte.

Den Kurs veränderte ich soweit, dass es mich unter Motor durch die Untiefen bringen sollte, die vor uns lagen. Unter Segeln wäre ich außen herum gefahren, doch unter Motor konnte ich uns kontrolliert besser auf den kürzesten Weg dadurch bringen.

DSC_0391 (400x266)

Die Nacht war wegen der vielen Fischer wieder etwas anstrengender. Sie benutzen verschiedenen Systeme. Die meistens Trawlern, das heißt sie ziehen die Netze hinter sich her. Wenige legen aber auch Treibnetze aus, die durch Blinklichter markiert sind. Ein Fischer sprach mich plötzlich in der Nacht an, als ich kurz vor seinen Netzen war. Im letzten Moment steuerte ich von Hand um ihn herum um nicht über seine Netze zu fahren. Platt vorm Lacken nahm ich auch noch schnell das Großsegel weg, damit ich keine Patenthalse fuhr.

By the Way: Auf dem weiterem Weg nach Buzios zeigte das Echolot im tiefen Wasser zwischenzeitlich nur 6 m Wassertiefe an. Ich erschrak, setzte dann aber schnell meine gefährlichste Waffe ein, von der ich nur selten Gebrauch machte – nämlich meinen Verstand! Schnell kam ich zu dem Schluss, dass es sich um ein U-Boot der brasilianischen Marine handeln musste, die kontrollieren, ob ich Alkohol und Zigaretten am Kiel schmuggle. Dem war natürlich nicht so. Rauchwaren mag ich nicht und die Hausbar der Tara ist voll genug. Überprüfen konnte ich natürlich meine Aussage nicht, doch wie ich mich kenne wird es schon stimmen. Letztendlich war es aber auch egal, denn schnell war die Tiefenangabe auf den Instrumenten wieder gestrichelt und so brauchte ich auch keinen Gebrauch von meinem Verstand machen.

Und so ging es weiter nach Buzios, was ich ohne Verstand auch verfehlte. (Siehe: „Oh,Oh!“)

Von den Abrolhos nach Guarapari

Auf den Abrolhos musste ich auf den passenden Wind warten, um die 200 Meilen bis Guarapari in Angriff zu nehmen, da er meistens flau aus allen Richtungen kam. Nach 6 Tagen sollte er endlich etwas beständiger aus Nordost kommen. Ich entschied mich sofort für den Spinnaker. Viele scheuen das bunte Vorsegel, weil es mit einem Spibaum gefahren werden muss und letztendlich auch wegen seiner Größe, die bei auffrischenden Wind gebändigt werden muss. Auf direkten Vorwindkursen sorgt aber gerade der Spibaum für die Stabilität des Segels und er schlägt weniger als der Genaker.

DSC_0924 (400x249)

Wie auch immer, er tat einen guten Job und ich segelte auch die Nacht über mit ihm weiter. Die Aries steuerte ihren Kurs und ich widmete mich wieder der Gitarre und versuchte laut und schrill singend der Gitarre saubere Töne zu entlocken.

Während einer Pause schwamm eine Gruppe von Delfinen auf Tara zu und sie fingen an spielerisch auf der Bugwelle zu schwimmen. Ich dachte mir, okay dann seit ihr heute mein Publikum, rannte mit der Gitarre zum Bug und fing an zu spielen. Und siehe da, die Jungs flippten komplett aus. Sie fingen an in der Luft Saltos zu schlagen und sich dreifach um ihre eigene Längsachse zu drehen. Einer schwamm rücklings durch das Wasser, als wolle er sagen, komm Kraul mir den Bauch, doch dafür hatte ich keine Hand frei.

Ähnlichen Erfolg hatte ich schon einmal mit einer Gruppe Doraden, die gleichermaßen wie die Delfine ausflippten. Als Dank für meine Spielkunst hielt ich ihnen noch schnell den Angelköder unter die Nase und binnen 5 Sekunden zappelte die Belohnung im Cockpit vor lauter Freude bald in der Pfanne liegen zu dürfen. Dies war natürlich meine eigene freie gewissen beruhigende Interpretation.

DSC_0139 (400x267)

Am nächsten Morgen verweigerte der Wind wie üblich für ein bis zwei Stunden seinen Dienst. Ich holte die schlagenden Segel herunter und fuhr unter Motor langsam weiter. Plötzlich bemerkte ich weiße Flecken auf dem Wasser, die ich anfänglich für kräuselndes Wasser hielt. Als ich erkannte, dass es sich um selbstgebastelte Styroporschwimmer eines Fischernetzes handelte und das gerade unter Tara durchgezogen wurde, war es schon zu spät. Die Fahrt verlangsamte sich zunehmend und die Styroporschwimmer folgten im gleichbleibenden Abstand der Tara. Ich kuppelte sofort den Motor aus und hoffte, das sich das Netz nicht in dem Propeller verwickelt hatte.

Ich musste also auf offener See ins Wasser, dabei trug es nicht zu meiner Beruhigung bei, das ich eine Stunde vorher noch in Frank Schätzings Buch „Nachrichten aus einem unbekannten Universum“ Geschichten über den Weißen Hai und seinen Artgenossen gelesen habe. Die waren zwar ganz lustig verpackt, doch wusste ich ob die brasilianischen Haie nicht im zu heißen Badewasser Anormalitäten entwickelt haben?

Ich nahm die komplette Fahrt aus dem Schiff und machte meine ABC-Ausrüstung (Schnorchelutensilien) klar und hoffte, dass die Haie im Gegensatz zu mir schon gefrühstückt hatten. Dann stieg ich in die tiefblauen Fluten des unbekannten Universums, weit draußen alleine im unendlichen Nichts. Das Land unter mir war 500 m entfernt. Da herrscht ewige Dunkelheit, da war das sonnengeflutete Blau um mich herum schon einladender. Das Anhängsel war letztendlich schnell entfernt, denn das Seil vom Netz hatte sich nur am Skeg (festes Teil am Rumpf, woran das Ruderblatt befestigt ist) verfangen. Das war mir natürlich nur recht so, da wahrscheinlich das stampfende Heck eines Schiffes mindestens so gefährlich ist wie ein hungriger Hai. Also, ich war genauso schnell wieder aus dem Wasser wie ich reingekommen bin. Und dafür die ganze Angst, das hat sich nicht gelohnt, dachte ich tapfer und wollte es beim nächsten Mal bei einer ordentlichen Portion Respekt belassen! Schauen wir mal!

DSC_0361 (400x267)

Guarapari empfing mich mit einer vom Atlantik aus weit offenen Bucht und wie schon mittlerweile gewohnt fielen meine Tacktick-Instrumente, die über Funk die Daten vom GPS und Echolot bekommen, aus. Ich war in der Weite der Bucht die einzige Yacht und vorm Strand zu Ankern schien mir durch die mächtige Atlantikdünung zu unruhig. Ich schob Tara unter Schleichfahrt den Fluss hinauf, der schmal und mit Sandbänken gespickt ist, bis ich eine Tankstelle für die Fischer fand und tankte Tara voll und ließ bei mir schnaubend langsam den Adrenalinspiegel sinken.

Danach ging ich an derLancha von Carlos längseits und hatte so einen sicheren Liegeplatz im Fluss, der mit bis zu 3 Knoten strömte.

Oh, Oh!!!

Nicht das ihr meint, dass wir in Brasilien schon den ersten April haben, auch wenn wir leicht vor der deutschen Zeit sind und ihr diesen Bericht als Seemannsgarn abtut. Da habe ich vielleicht schon eher Geburtstag, doch dass spielt auch keine Rolle, doch der Alte wird alt.

Sache gibt es – die darf man keinen erzählen, aber unter uns und der Reihe nach geht das vielleicht noch mal durch.

Also von Guarapari hatte ich Kurs auf Buzios genommen, das liegt alles noch in Brasilien und zwar mitten drin. Die Navigation war schnell gemacht, vielleicht zu schnell, auch wenn sie am Ende gestimmt hat – teilweise! Ein Mathematiker würde sagen:“ Die Formel war richtig, nur das Ergebnis war falsch!“

Ich bin also die 160 Meilen durch Unwetterfronten mit 390° Winddrehungen (!!!) gesegelt, habe bewusst in der Nacht zwischen Untiefen eine Abkürzung genommen, die auch vorher nicht geplant war, habe Fischernetze nachts umschifft, die planlos der Tara in den Weg gelegt wurden, habe Patenthalsen mit Gefühl vermieden und als ich die Halbinsel von Buzios ansteuerte, mit ihren vielen Ankerbuchten kam ein dermaßen gewaltiger Tropenregen herunter, das man die Hand nicht mehr vor den Augen sehen konnte und die Regentropfen auf den Pupillen weh taten. Soweit also für den Segler kein Problem. Auch der Ankerplatz war schnell gefunden und zwei Gruppen von Laserseglern trainierten hart im Regen, da dies auch der vermeintliche Olympiastützpunkt sein sollte. Wie auch immer, ich hatte mich auf meinen Wegpunkt konzentriert, das Echolot fiel mal wieder aus und ich ließ den Anker in 3 m Wassertiefe fallen. Dann, nach über 30 Stunden kam die Entspannung und die Umgebung wurde verwundert begutachtet. Keine Seglerszene, die ich eigentlich erwartet hatte. Ich war wieder mal alleine, gefallen hat es mir aber trotzdem.

DCF 1.0

Am nächsten Morgen macht ich das Schlauchboot fertig und ruderte ans Land. Im Segelclub war nichts los und ich spazierte am Strand entlang, der viele nette Restaurants hatte, bis ich dann in die Stadt abbog, mir die Geschäfte anschaute und einkaufen ging. Vielleicht hätte ich Brötchen beim Bäcker kaufen sollen, denn da steht zumindest in Deutschland immer eine Adresse drauf, dann hätte ich vielleicht früher was gemerkt.

Wie auch immer, mit einem schönen Stückchen frischen Lachs ruderte ich zurück zur Tara, trank mir einen Saft und schaute gelangweilt ins Seehandbuch und schaltete den Plotter an, als ich erschrak. Ich war gar nicht in Buzios, sondern 2 Meilen weiter, in einer ähnlichen Bucht, auch mit einem Segelclub, aber nicht bei dem Olympiastützpunk von Buzios.

Den Wegpunkt für den Landfall hatte ich aus dem Handbuch und die anderen suchte ich mir selber aus dem Plotter und den Seekarten. Vielleicht hätte ich eine andere Brille tragen sollen, dann hätte ich das Kleingedruckte lesen können und mir wäre der Ortsname aufgefallen, denn der war nicht Buzios.

Kurzentschlossen holte ich den Anker auf und fuhr drei Buchten zurück – und da war dann der wenig vermisste Remidemi, der Olympiastützpunk und eine Vielzahl von Einheimischen Schiffen. Nur wenig Ankerplatz gab es hier, der war an dem unbekannten Ort viel viel großzügiger!!!

 

 

Die Unterwasserwelt der Abrolhos

Die Unterwasserwelt der Abrolhos wurde von Freunden lobend erwähnt und als Taucher interessiert sie mich natürlich besonders. Mit der zu Anfangs erwähnten Schildkröte fing es ja schon gut an und so war ich auf den Rest sehr gespannt. Zweimal täglich sprang ich also Überbord und genoss die Stille des Meeres mit ihren Bewohnern.

Meine Erwartungen an die Korallen waren nicht sehr groß, wir waren schließlich im Atlantik und so wurde ich auch nicht enttäuscht. Man hatte es eher mit einem Korallenfriedhof zu tun, graue abgestorbene Korallen auf felsigen Grund, doch zwischendurch gab es immer wieder vereinzelnd gelbe Fächerkorallen und die nur auf den Abrolhos und sonst nirgends in Brasilien vorkommende runde Hirnkoralle.

DSC_0400 (400x267)

Dafür waren die Fische um so farbenfroher. Rochen schwebten majestätisch elegant, manchmal in kleinen Gruppen durchs Wasser oder lagen unter einer kleinen Sandschicht auf dem Grund, wobei nur Augen und Kimmen deutlich sichtbar waren. Die Umrisse ihres fast runden Körpers zeichneten sich dann unter dem Sand leicht ab und der lange Schwanz ragte heraus. Eine grüne Muräne zog sich beim näher kommen rückwärts unter die Felsen zurück und zeigte beim öffnen und schließen ihres Mauls immer wieder die gefährlichen Zähne mit der sie ihre Beute packt. Bis fast einen Meter große Zackenbarsch bevölkerten das Riff und waren mit ihrer schwarzen, grauen und weißen Musterung sehr gut der Umgebung angepasst.

Am meisten faszinierten mich aber die bunten Korallenfische. Sie treten immer in Schwärme auf und protzen mit ihrer Farbenvielfalt. Interessant war, das die Jungfische nach alter in Gruppen aufgeteilt waren und je jünger sie waren, desto mehr suchten sie Schutz im noch flacherem Wasser. Tagsüber schienen die Korallenfische keine Angst vor den Muränen und Zackenbarschen zu haben. Sie schwammen ihnen dicht vor dem Maul und schienen keine Angst zu haben als Zwischenmahlzeit verschlungen zu werden, da dies nachtaktive Räuber sind.

DSC_0404 (400x265)

Die Krönung war als hinter der Tara Delfine auftauchten, sie schienen zu jagen. Ich sprang wieder ins Wasser, habe sie aber leider nicht Unterwasser gesehen.

Zwischen Juli und September kann man hier auch Wale beobachten, die aus der Antarktis bis hierher schwimmen. Da bin ich aber leider – zum Glück – in Deutschland!

Die Vogelwelt der Abrolhos

Über der Tara und den Inseln schwebten immer Fregattvögel und Tölpel neben kleineren Küstenbewohnern. Die Fregattvögel haben Spannweiten von über 2 m und gleiten oft hoch übers Meer ohne einen Flügelschlag. Sie fangen kleine Fische von der Oberfläche weg und tauchen nicht ins Wasser hinein wie Tölpel oder Kormorane. Diese Seevögel, die zu der Gruppe der Ruderfüßler gehören, tauchen bis 10 m Tief und sind geschickte Unterwasserjäger.

Gespannt wartete ich also darauf, das Egno und Vitor mich abholten und ich Siriba mit ihnen betreten durfte. Sie holten mich mit dem Schlauchboot ab und sie zeigten mir die einzige zugängliche Insel. Interessant war zu sehen, dass das ganze Jahr über Brutsaison sein musste, denn die einen Maskentölpel brüteten noch auf den Eiern während andere ihre Jungvögel verschiedenen Alters mit ihrem Körper oder den Flügeln vor der Sonne schützten, die mit 36 Grad auf sie herunter brannte.

DSC_0210 (400x267)

Vorsichtig bewegten wir uns auf engen Pfaden um die Vögel nicht zu stören. Sie machten aber auch nicht den Eindruck, als das sie sich durch uns stressen lassen würden. Bereitwillig konnte man sie fotografieren – und sie waren gute Modelle.

Die Tölpel (Maskentölpel und Weißbauchtölpel) bekamen ihren Namen weil sich sich an Land tolpatschig bewegen, während sie ausgezeichnete Flieger sind. Die Männchen geben einen Pfeifton ab während die Weibchen Grunzlaute von sich geben. Sie merken sich die Laute der Partner und finden so immer wieder zu ihnen und ihren Nestern zurück.

DSC_0226 (400x267)

Vereinzelnd waren auch Palmen und Bäume auf den Inseln von Menschen gepflanzt worden. Es waren aber anscheinend zu wenige als das sich dort Landvögel nieder lassen würden, denn Seevögel und Landvögel vertragen sich nicht gut, vor allem weil Tölpel auch als Nesträuber gelten. Seevögel bauen ihre Nester gerne an Klippen oder auf sandigen leicht bewachsenen Boden, während Landvögel ihre Nester in den Bäumen bauen.

DSC_0233 (400x267)

Leider sahen wir auch 2 verendete Vögel. Einer davon hatte noch einen Fischerhaken samt einer langen Nylonschnur im Maul. Solche Unglücke passieren leider vielen Seevögeln oder auch anderen Meeresbewohnern die nicht in unsere Nahrungskette gehören.

Der Rundgang dauerte ca. 90 Minuten und war ein echtes Highlight auf der bisherigen Reise, vor allem auch weil Vitor, der für 4 Wochen als Freiwilliger auf den Abrolhos arbeitete, sein ganzes Englisch und Wissen hervorkramte und versuchte meinen Fragen zu beantworten.

 

Die Abrolhos-Inseln Teil 1

Von der Ilha Tinharé bin ich 300 Meilen weiter südlich zu den Abrolhos-Inseln gesegelt. Die Überfahrt war mit Etmalen von 130 und 125 Meilen recht zügig und problemlos. Nur die Fischerboote, die in der Nacht weit draußen auf dem Meer Fischen störten die Nachtruhe. Die Flachwassergebiete ziehen sich teils bis zu 50 Meilen raus auf dem Meer und fallen dann steil ab auf 1000 bis 2000 m.

Ich erreichte das Abrolho-Archipel am frühen Mittag des dritten Tages. Der Name Abrolhos soll eine Warnung sein und stammt von „abra los oyos“ ab, was heißt „Öffne deine Augen“!

Verwunderlicher weise gibt es in Brasilien noch immer weiße Flecken auf den Seekarten, da nicht alles Vermessen ist. Meistens findet man diese nicht vermessenen Stellen in der Nähe von Flussmündungen. Nur Einheimische wagen sich dort hin. Auf den Abrolhos ist zwar das meiste vermessen, doch die Seekarten warnen vor einzelne Korallenköpfe die unterhalb der Wasseroberfläche sind und man soll die Augen offen halten.

Die Ankunft war problemlos und ich packte eine Mooringboje, da man in diesem Naturschutzgebiet nicht ankern soll. Ich war alleine. Von der Navi, die auf den Inseln stationiert ist, war keine Spur und auch von den Naturschützern war nichts zu sehen.

DSC_0313 (400x267)

Ich sprang erst einmal ins Wasser und genoss die Abkühlung. Endlich wieder schwimmen im klaren Wasser. Zur Begrüßung schaute mich erst einmal eine Schildkröte an. Was ist das, schien sie zu denken und tauchte erst einmal wieder ab. Ich bin ungefährlich, dachte ich noch, doch sie war schon weg. Auf den Abrolhos-Inseln darf weder geankert, noch gefischt werden und Tauchen darf man nur in Gruppen mit Genehmigung, das gleiche gilt für das Betreten der Inseln. Von daher führen die Tiere und Fische Über.- und Unterwasser ein einigermaßen sicheres Leben außerhalb der menschlichen Nahrungskette.

DSC_0198 (400x267)

Ich hatte keine Genehmigung für irgendwas, doch ich wollte ja auch nur schnorcheln und die Stille genießen. Ich hängte meine Hängematte am Vorschiff auf und sah am ersten Abend einen spektakulären Sonnenuntergang hinter den Silhouetten der Nachbarinseln Redonda und Siriba. Danach sah ich dann die hellste Sternschnuppe meines Lebens. Mir kam es vor als ob eine 1000 Watt Birne direkt über mich flog. Sie erhellte in ihrem Schweif den Nachthimmel und verglühte dann in der Atmosphäre.

Am nächsten Morgen schaute Vitor und Egno von den Naturschützern vorbei und begrüßten mich auf den Abrolhos. Sie luden mich ein am nächsten Morgen mit zur Insel Siriba zu fahren und dort einen Rundgang zu machen. Das war eine nette Überraschung.

Auf zu den Abrolhos-Inseln

Die Tara ist heute morgen ausgelaufen um 300 Meilen südlich das Abrolhos-Archipel zu besuchen. Ich habe Lust auf klares Wasser und schnorcheln über Riffe mir vielen Fischen und vielleicht auch Schildkröten. Es ist ein Naturschutzgebiet, wofür man eine Genehmigung braucht, um die Inseln zu betreten. Das festmachen an einer Mooring ist erlaubt, das Ankern zum Schutz der Korallen nicht. Da ich keine Genehmigung habe reicht mir das an der Mooring liegen und das Schnorcheln.

Ich habe bisher immer in Flussmündungen vor Anker gelegen und war starken Tidenströmungen ausgeliefert und das Wasser war in der Regel sehr trübe.

Auch freue ich mich wieder auf freien Seeraum und Abstand zu der Küste. Der Kopf muss wieder frei werden und dabei hilft der freie Blick auf den Horizont und Gitarre spielen.

Doch nun warte ich erst einmal auf Wind. Dieser schläft noch am frühen Morgen, doch mit etwas Glück bin ich in 3 Tagen auf den Abrolhos. Und wenn nicht dann eben irgendwann später. Ihr werdet es erfahren.

Salvador de Bahia Teil 2

Nach dem ersten Besuch von Bahia (so wird Salvador kurz von den Einheimischen genannt) hatte ich nicht das Gefühl das es unsicher ist, wenn man die normale Vorsicht walten lässt und entschloss mich beim Abholen der Relingsstütze meine Kamera mitzunehmen und den ganzen Tag dort zu verbringen und zu fotografieren. Jetzt gehöre ich auch sonst nicht zu den ängstlichen Personen, habe aber etwas gegen den Großstadtdschungel, das Gedränge und den Kommerz.

Durch die entspannteren Tage in Itaparica, wo ich meistens am Schiff arbeitete, war ich voller Elan um mich in das Getümmel zu werfen. Bahia hatte die Nachwehen vom Karneval zu verdauen und war noch bunt geschmückt. Farbige Flatterbänder säumten die Straßen von Pelourinho, große Figuren waren aufgestellt und Blumen säumten die Gassen. Geschäftiges treiben beherrschte das Stadtbild schon am frühen morgen und das alles unter dem wachsamen Auge der Polizei. Die alten Kolonialhäuser waren bunt renoviert und sahen einladend aus, doch wie es im inneren dann tatsächlich aussieht geht niemanden was an der von außerhalb kommt.

DSC_0209 (400x267)

Cafés und Restaurants stellten ihre Stühle und Tische auf den Straßen und priesen durch ihre Angestellten für saftige Preise ihre Angebote, die das Tagesbudget eines einfachen Seglers sprengen. Einfache Stände boten Früchte und Gebackenes an, Vitamine neben Fett, Kontraste überall, arm neben reich, alt und modern, Einheimisch oder Tourist, schwarz oder weiß.

Ich suchte die Straße in der ich früher ein Zimmer hatte und damit hatte ich wieder die geliebte Aufgabe, mir die Stadt durch eine Suche zu erlaufen. Wenig erinnerte mich an damals, der Platz, an dem mir ein Möchtegern Taschendieb, auf dem ich schon ein Auge hatte, näher rückte kam mir viel kleiner vor. Den Möchtegern hatte ich damals angeschrien und gefragt, ob er irgendein Problem habe, worauf er sofort abhaute.

Bei meiner Suche lief ich durch die bunten Gassen bis ich endlich die Straße wieder fand wo ich anno dazumal wohnte und auch Michael Jackson „They Don´t Care About Us“ sang. Es hatte sich viel getan in den letzten Jahren und der Tourismus schien der Metropole fiel Geld in die Kassen gespült zu haben und man kann nur hoffen, dass auch ein Teil bei den Armen ankommt, die anscheinend erst gar nicht in solche Vorzeigestadtteile gelassen werden, denn Bettler gab es keine.

DSC_0238 (400x267)

Irgendwann schlug es mich dann doch in eine der vielen Kirchen und zwar in die des Heiligen Francisco. Im Gegenzug zu seinen Lehren war sie prunkvoll und protzte mit Reichtum und Glanz. Als Tapete benutzte man Blattgold, dem man vorher wahrscheinlich einem Imker gestohlen hatte. Wie sich Menschen in solchen überladenen Häusern auf das wesentliche konzentrieren können ist mir ein Rätsel. Handwerklich finde ich sie immer unglaublich interessant. Die Marmorböden und -säulen, die barocken Bögen und außen die gefliesten Wände.

Der Hunger verschlug mich dann in ein Restaurant in einer Seitenstraße wo fast nur Einheimische essen gehen und dieses nach Gewicht bezahlt wird. Man schaufelt sich an einem reichlich gedecktem Buffet so seinen Teller voll wie man es mag und stellt dann seinen Teller auf eine Wage und bekommt den Preis auf einem Zettel geschrieben.

Den Nachmittag verbrachte ich dann noch mit Hans-Friedrich, den Bruder meines Segelfreundes Dieter, der z.Z. mit seinem Schiff in Südafrika ist. Dieter hatte den Kontakt hergestellt, da Hans einen Sprachkurs in Bahia machte und auch brasilianische Gitarrenmusik spielt, die er just for fun auf den kleinen Plätzen spielt. Ein schöner Tag in einer Stadt der Gegensätze!